Was bringt Freie Kultur?

Dies ist ein Überblick über die Themen des gleichnamigen Workshops von Franz Gratzer im Namen des Wiener Fellowships der Free Foftware Foundation Europe. Er fand am Samstag, dem 23. Februar 2013, von 10:00 Uhr bis 11:30 Uhr am Solidarische Ökonomie Kongress an der Universität für Bodenkultur 1190 Wien statt.

Überblick

  1. Was ist Kultur?
  2. Wodurch unterscheidet sich Freie Kultur von anderer Kultur?
  3. Probleme unfreier Kultur
  4. Wieso ist Freie Kultur wichtig?
  5. Wie wird Kultur finanziert?
  6. Wie können wir Freie Kultur fördern?

Anmerkung zur geschlechtsneutralen Formulierung

Ich verwende eine unkonventionelle geschlechtsneutrale Ausdrucksweise. Dabei werden geschlechsspezifische Endungen durch die neutrale Endung i (bzw. is in der Mehrzahl) ersetzt, wo nicht explizit ein bestimmtes Geschlecht gemeint ist. Für die geschlechtsneutrale Form wird ein sächlicher Artikel benutzt. Zum Beispiel: Der Künstler bzw. die Künstlerin werden zu das Künstli. Die Künstler und die Künstlerinnen werden zu die Künstlis.

Was ist Kultur?

Kultur ist klassischer Weise der Gegensatz zur Natur. Dabei meint in dem Kontext Natur alle Phänomene, die ohne Zutun von Individuen vorhanden sind. Damit ist Kultur alles, was Individuen gestaltet haben. Physische Werke sind damit ebenso gemeint, wie Ideen. Wir sind immer eingeflochten in Kultur. Kaum etwas ist kulturell unbeeinflusst. Sogar unser Denken entspricht einer Geisteskultur.

Kultur ist Ausdruck unseres Tuns. So lange wir leben, haben bzw. praktizieren wir unvermeidlich auch Kultur.

Wodurch unterscheidet sich Freie Kultur von anderer Kultur?

Zuerst ist wichtig, festzustellen, dass Freie Kultur die ursprüngliche Form der Kultur ist. Sie ist die Basis jeder möglichen Kultur. Alle können sich beliebig gestalterisch betätigen und jede Idee anwenden.

Unfreie Kultur (= proprietäre Kultur) ist ein neueres Konzept, dass Ideen zum Besitz erklärt. Die vorübergehende Beschränkung von Nutzungsrechten soll dabei kreative Arbeit fördern, indem sie den Entwicklungsaufwand refinanzierbar macht.

Eine interessante Frage hierbei drängt sich auf: Über Jahrtausende passierte reges kulturelles Schaffen ohne Zusatzanreiz. Wieso soll neuerdings eine Zusatzmotivation nötig sein?

Ungeachtet des fragwürdigen Nutzens der Handhabung von Ideen als Besitz ergeben sich daraus zahlreiche Probleme:

Probleme unfreier Kultur

Weil durch Nutzungsbeschränkungen nur mehr Auserwählte oder ausreichend Wohlhabende die bekannten kulturellen Referenzen benutzen dürfen, entstehen erhebliche Beschränkungen, was aktive kulturelle Teilnahme betrifft. Zeitgemäßer kreativer Ausdruck wird damit eine Frage des Wohlstandes bzw. der richtigen Kontakte.

Diese Beschränkung der Möglichkeiten, sich kreativ einzubringen, führt zu einer Verarmung der Vielfalt. Wesentlich weniger Menschen dürfen sich legal auf eine für die Massen bedeutungsvolle Weise artikulieren. Wer in seiner kreativen Arbeit auf geschütztes Kulturgut verzichten muss, kann sich kaum noch allgemeinverständlich ausdrücken. Weil praktisch der gesamten Populärkultur Nutzungsbeschränkungen anhaften, ist es kaum noch möglich, mit kulturell relevanten Referenzen zu arbeiten, ohne Abgaben an jene leisten zu müssen, die über die Nutzungsrechte verfügen. Meist können nicht einmal mehr die Urhebis anderen die Nutzung ihrer Werke erlauben, weil sie diese Entscheidungsgewalt in der üblichen Praxis an Verwertungsgesellschaften übertragen müssen.

Dadurch ergibt sich eine Monopolisierung der Kulturerzeugung. Immer weniger große Konzerne haben noch die Möglichkeit, wirklich breitenwirksame Kultur zu veröffentlichen. Da sie über die Nutzungsrechte fast der gesamten bekannten Populärkultur verfügen, können sie sehr gut steuern, welche Inhalte letztlich für die breite Öffentlichkeit verfügbar sind. Unabhängige Neuveröffentlichungen von kulturellen Werken, die sich selbstreflexiv mit der bestehenden Populärkultur beschäftigen, sind damit kaum noch möglich. Andy Warhol hätte es heute vermutlich sehr schwer, bekannt zu werden. – Zumindest so lange er seine Werke nicht gleich in Kooperation mit den betroffenen Konzernen machen würde.

Weil unter den gegebenen Umständen kulturell tätige Individuen kaum noch die Chance haben, über zum Beispiel deutliche Referenzen auf bekannte Marken zu verweisen, werden wir zu passivem Kulturkonsum erzogen. Wir wissen, dass wir zum Beispiel keine bekannte Marken in kritischen Kollagen einsetzen können, ohne zu riskieren, deswegen auf große finanzielle Ersatzleistungen verklagt zu werden. Wir dürfen keine eigenen Interpretationen bekannter Stücke veröffentlichen. Wir haben uns daran gewöhnt, Kultur als Fertigprodukt zu betrachten, das wir zwar konsumieren können, aber nicht weiterverarbeiten dürfen.

In weiterer Konsequenz führt die gegenwärtige Organisation der Nutzungsrechte dazu, dass alles unterdrückt wird, was nicht gewinnbringend ist. Die Veröffentlichung kultureller Werke ist keine Reflektion mit und in unserer Kultur mehr, sondern wir haben sie zu einem Geschäft gemacht. Lohnend ist dabei nur noch, was Profite abwirft. Wenn Bücher bei der Erstauflage nicht erfolgreich genug für die Zugzwänge der Verwertungsindustrie sind, werden sie, nachdem diese Auflage vergriffen ist, bis zum Auslaufen der Urheberrechte viele Jahrzehnte lang für die Öffentlichkeit unzugänglich. Das betrifft weit über Neunzig Prozent aller Neuveröffentlichungen. Auch wenn Autoris bereit wären, ihre Werke kostenlos zur Verfügung zu stellen, wenn sie ohnehin kein Geld über den Verkauf von Kopien verdienen können, bleibt ihnen diese Option verwehrt. Ein Großteil aller geschaffenen Werke bleibt der Allgemeinheit im Zeitraum ihrer unmittelbaren Relevanz vorenthalten.

Weil die nicht organisierte Beteiligung am kulturellen Leben die interaktive Kreativität einzelner Individuen brauchen würde, führen unsere gegenwärtigen Bedingungen dazu, dass die Kommerz- und Werbekultur zu den dominanten Formen des kulturellen Ausdrucks geworden sind. Dort, wo noch viel kulturelle Interaktivität herrscht, bewegt sie sich großteils in einer rechtlichen Grauzone. Die meisten Privatvideos auf YouTube sind beispielsweise von Rechteinhabis leicht klagbar. Damit wird zeitgemäße aktive Teilnahme an der Kulturerzeugung zum Verbrechen. Dies ist eine empfindliche Beschränkung der Rede- und Ausdrucksfreiheit bzw. von gesellschaftlichen Mitgestaltungsmöglichkeiten.

Anders als in der analogen Welt jenseits von Computern erzeugt in der EDV jede Nutzung eine Kopie. Da sich die Beschränkungen von Nutzungsrechten üblicher Weise auf Kopien beziehen, ergibt sich daraus in der gegenwärtigen technologischen Realität eine massive Ausweitung der Nutzungsbeschränkungen. Zusätzlich wurden die Fristen für den Werkschutz inzwischen mehrmals verlängert. Wir konnten analoge Inhalte wie Schallplatten problemlos auf Audiokassetten kopieren und auf anderen Geräten nutzen. Es war bis vor Kurzem selbstverständlich, einmal erworbene Inhalte an beliebigen Orten nutzen zu können und sie weiterzugeben oder zu verkaufen.

Heutzutage werden Inhalte zunehmend über Techniken angeboten, die uns diese Möglichkeiten nehmen. Verschiedenste Kopierschutzmaßnahmen hindern uns daran, Musik auf beliebigen Geräten ab zu spielen oder Bücher weiter zu geben. Eine kreative Weiterverarbeitung kultureller Werke ist in vielen Fällen gar nicht mehr möglich, weil die Datenformate gezielt so gestaltet sind, dass keine weiterverwendbaren Kopien davon angefertigt werden können. Die Techniken zum Erzwingen von Nutzungsbeschränkungen behindern oft sogar die grundlegende Zielfunktionalität. Audio-CDs mit Kopierschutz können auf Computern nicht abgespielt werden. Filme auf Blu-Rays können oft sogar auf den zu diesem Zweck verkauften Geräten nicht mehr zuverlässig wiedergegeben werden, da die technologischen Kopierschutzmaßnahmen (DRM) derart aufwändig geworden sind, dass auch die Zielanwendung nicht mehr problemlos damit funktioniert.

Sogar Kopien, die nur ein einziges Mal wiedergegeben werden können, sind bereits im Einsatz.

Wieso ist Freie Kultur wichtig?

Freie Kultur kann ohne rechtliche Bedrohung oder technische Hürden weiter verwendet werden. Sie ist daher die ideale Grundlage zur aktiven Mitgestaltung unserer Gesellschaft. Sie ermutigt alle dazu, die vorgefundenen kulturellen Werke aktiv zu reflektieren, kreativ zu verändern und weiter zu entwickeln. Damit fördert sie Diversität und Meinungsvielfalt.

Weil Freie Kultur unabhängig von ihrer Wirtschaftlichkeit geschaffen und publiziert werden kann, ermöglicht sie die Verfügbarkeit aller kulturellen Erscheinungen. Sie überwindet den Kommerz-Filter, der nur zulässt, was Profite abwirft oder einflussreichen Institutionen nützt.

Wie wird Kultur finanziert?

Obwohl uns anderes suggeriert wird, leben fast alle, die aktiv Kultur schaffen, nicht von dieser Arbeit. Die meisten finanzieren sich über andere Jobs und betätigen sich zusätzlich kulturell, ohne auch nur annähernd von ihrem kreativen Wirken leben zu können. Nur wenige schaffen es, zumindest über Auftragsarbeiten und Förderungen oder großzügige Förderis überleben zu können. Die Anzahl derer, die von Tantiemen leben können, die Verwertungsgesellschaften für die Vermarktung von Kopien auszahlen, ist verschwindend gering. Anteilsmäßig bewegen sich diese Künstlis im Promillebereich. Nur ganz wenige Stars profitieren (meist über branchenunüblichen Spezialverträgen, die nur Superstars zugestanden werden) tatsächlich vom gegenwärtigen System. Angesichts dieser Fakten ist es völlig absurd, das derzeit übliche Verrechnungssystem über den Verkauf von Kopien mit eingeschränkten Nutzungsrechten als das finanzielle Rückgrat kulturellen Schaffens dar zu stellen.

In der Tat können – je nach Branche etwas unterschiedlich – in der Regel nicht einmal ein Prozent der aktiven Kulturschaffenden von ihrer kreativen Arbeit leben. Dem entsprechend ist es eine Verhöhnung der Realität, zu behaupten, dass unser gegenwärtiges System in der Praxis zur Entlohnung von kulturschaffenden Individuen geeignet wäre. Es ist nur ein gutes Geschäft für Stars und Verwertungsgesellschaften. Die meisten Kreativen nehmen die ihnen rechnerisch theoretisch zustehenden Summen nicht einmal in Anspruch, da sie so gering sind, dass der Verwaltungsaufwand des Übertragens der Summe diese wieder aufzehren würde. Diese vielen Mini-Ansprüche ergeben insgesamt aber natürlich eine stattliche Summe für die Verwertungsgesellschaften. In der Regel verbleiben die meisten Tantiemen daher uneingefordert bei den Verwertungsgesellschaften.

Eine Mitgliedschaft bei Verwertungsgesellschaften bringt Kreativen schwerwiegende Einschränkungen, was ihre Autonomie betrifft. Sie können wegen ihrer Mitgliedschaft nämlich selbst nicht mehr darüber bestimmen, unter welchen Bedingungen ihre eigenen Werke verwendet werden dürfen. Die ihnen für diese massive Selbstbeschränkung zustehende Vergütung ist trotzdem kaum jemals nennenswert.

Wir können also nicht reinen Gewissens behaupten, dass der Verkauf von Werkkopien für Kultur schaffende Menschen funktionieren würde.

Weil die üblicher Weise vorgeschlagene Finanzierung von Künstlis in der Praxis nicht funktioniert, hat es Freie Kultur erst mal nicht schwer, auf ähnlichem Niveau mit zu halten: Verwertungsgesellschaften sind dabei zwar keine Option, aber die sind ohnehin nur für diese Verwertungsgesellschaften selbst und einige Superstars interessant. Alle anderen bisher erwähnten potentiellen Einnahmequellen von Künstlis sind mit Freier Kultur genauso möglich und üblich.

Künstlis, die Freie Kultur schaffen, haben allerdings einen sehr relevanten Vorteil, bei zwei weiteren Chancen an Finanzen zu kommen: Bei Spendenaufrufen und Crowdfunding-Versuchen kommt es natürlich nicht gut an, wenn die beschriebenen Projekte das Ziel haben, Profite für die Betreibis zu erwirtschaften. Wenn die Ergebnisse der Projekte allerdings anschließend ungehindert der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, steigt die Motivation, den guten Zweck zu fördern.

Wie können wir Freie Kultur fördern?

Dies sind nur einige sehr einfache Tipps zur Verteidigung einer freien, partizipativen Gesellschaft: